Projekt Urtica

Hier findet Ihr, werte Leser, die Geschichte meiner Versuche aus Brennesseln einen Faden zu gewinnen. Wem das zu lange ist: unten auf der Seite findet sich die Anleitung wie es letztendlich geklappt hat.

Wer Zeit und Laune hat kann sich die ganze Historie zu Gemüte führen, die auch die Fehlschläge enthält…

Als im Frühjahr in Mödling die Brennessel ausschlugen hatte ich eine Bitte: wachsen lassen, schließlich braucht jeder Garten auch ein wildes Eck für die Schmetterlinge. Im Hinterkopf hatte ich aber eine andere wilde Idee: wahren Nesselstoff. Inzwischen hab ich mal auf: Nesselfaden reduziert…es braucht alles viel Material und noch mehr Zeit.

Ganz neu ist die Idee ja nicht – eher uralt, Ötzi hatte auch schon Fäden aus Brennessel. Und bis zum 19. Jahrhundert wurde es praktisch gemacht, aber meist weil unrentabel verworfen, außer in Notzeiten. Ich hab mich also im Internet eingelesen und bin auf diverse Anleitungen gestoßen wie man das so macht. Bis auf eine deutsche Firma (die inzw. auch schon zugesperrt hat) und es kommerziell und chemisch betrieb hab ich aber keine aktuelle funktionierende Erfahrung gefunden. Woran scheitert es?

Grundsätzlich soll die Fasergewinnung ähnlich wie bei Lein funktionieren. Ein wichtiger Faktor dabei ist die sog. Röste, Fachbegriff bei Flachs dafür das man die geschnittenen Pflanzen liegen lässt oder in einem Wasserbad (Graben, Teich) liegen lässt damit sich die Fasern vom holzigen Teil der Pflanze trennen. Bei Rösten denkt der Österreicher sofort an Kaffee, de fakto kommt das Wort eigentlich von “rotten” – sprich verrotten.

Die Kunst dabei ist die Brennessel richtig verrotten zu lassen.

Was macht mich hier zum Experten? Was ich auf keiner Seite als Querverweis gefunden hab: die Erfahrung als (Hobby)Gärtner. Schon mal Brennessel-Jauche zum düngen produziert? Stopfe Brennessel in ein Gefäß, Wasser dazu, ab in die Sonne und nach 3-4 Tagen müffelt es schon kräfig, gast aus und kann zum düngen verwendet werden. Und nur mehr dazu…

Ich will aber hier nur die Bindung zwischen langen Randfasern und Holz auflösen. Zu lange im Wasser, und die Fasern selbst lösen sich auch auf. Und sind damit unbrauchbar. Und das Experiment eine Zumutung für die Nachbarn.

Dosierung und Wechsel ist die Lösung: Früher wurde mit der sog. Tauröste gearbeitet, d.h. man ließ die geschnittenen Brennessel einfach liegen. Schnitt ist ideal im August,  – d.h. es ist heiß tagsüber, nachts fällt der Tau und die Feuchtigkeit hält sich lange in den Halmen und führt zur gewünschten Verrottung. Hier in der Stadt muss man allerdings davon ausgehen das es keinen Tau gibt…also gieße ich die Stängel auf der Terrasse einfach mit.

Ich hab das jetzt auch sonst gesteuert: trocknen tagsüber auf der Terrasse, nachts in die Badewanne. Bzw: bei den Gewittern der letzten Tage hab ich die Stängel einfach draußen gelassen. Innen immer etwas feucht, dann außen von der Sonne getrocknet. Bei der Wanne ein einfacher Indikator: wenn das Wasser schleimig wird – raus damit in die Sonne, dann ist es zuviel. Tritt aber erst nach längerem Wässern auf, s.o.

Normale Tau-Röste dauert je nach Witterung 4-8 Wochen, mit dem Wasserbad dazwischen kommt man schneller zu Resultaten.

Heute hab ich dann einen wichtigen “vorbereitenden” Schritt gemacht – einfach mal die Stängel längs aufgesplittet. Einfach mal einen “Schnitt” mit einem Nagelputzer der Länge nach. Mit leichtem Druck lässt sich alles so flach aufdrücken. Danach hab ich alles wieder ins Gewitter hinaus auf die Terrasse geworfen. Der Regen sollte den Prozess weiter fördern, aber die Sonne sollte auch den holzigen Teil weiter austrocknen, d.h. das Holz wird von innen steifer und damit brüchiger.

Nächster Schritt – abgesehen davon das ich mir noch mehr Material besorge, weil die Faserausbeute sichtlich gering ist: alles noch zwei Wochen wirklich trocknen, mit dem Gummi- oder Holzhammer bearbeiten, nach möglich über eine Kante. Aber davon werde ich berichten wenn es soweit ist.

Einstweilen gehe ich mal am Woende auf einen Spinnkurs bei wollhandwerk.at – schließlich muss ich ja auch lernen mit den Fasern irgendwas anzufangen. (Spart euch die Kommentar wie “Wos musst du noch spinnen lernen”…)

08.06.2011

Weiter geht’s: Inzwischen sind die Stängel schon schön trocken. Mit dem Gummihammer über die Kante des Hackstocks gebrochen und noch etwas geklopft lösen sich die holzigen Bestandteile schön von den Fasern außen. Diese holzigen Stücke nennt man übrigens Schäben, waren in einem Stoff früher viele Holzreste, also nicht gut entfernt/gelöst so war der Stoff “schäbig”…

Zum Brechen gab es früher eigene Geräte, klar, einzeln mit dem Hämmerchen würde manEin Kupferstich vom Brechen alt…damit konnte man Bündelweise die Stengel grob brechen. Anschließend gab es dann noch einen Arbeitsgang namens “schwingen” – dabei wurden die Fasern nochmal mit einem Schwert über eine Kante geschlagen um die restlichen Holzteile zu entfernen. Hab ich mir momentan mal gespart nachdem sich alles gut gelöst hat.

Der nächste Schritt ist noch in der Versuchsphase. Eigentlich müsste man jetzt alles nur hecheln, d.h. über ein Nagelbrett ziehen um längere und kürzere Fasern zu trennen. Dieses muss ich mir allerdings erst basteln. Testweise hab ich mal versucht die ersten Faserbündel zu kochen in der Hoffnung das sich die Fäden wie bei zerkochtem Gemüse lösen. Den Gefallen haben sie mir aber nicht getan *gg*. Also: hecheln.

Aber jetzt geh ich mal auf meinen Spinnkurs, vielleicht kriege ich dort auch neue Tipps zum Thema

10.06.2011

Der Spinnkurs war insofern erfolgreich dass ich jetzt mit der Handspindel arbeiten kann – was auch für kurze Fasern gut sein soll. Aber zuerst muss ich mal irgendwie die Fasern hecheln/kämmen/kardieren.

15.06.2011

Gedanken zur vollständigen Ausnützung von Ressourcen

Die Versuche laufen gut. Ich habe gestern wieder eine neue Ladung Brennesseln vorbereitet, und einen zweiten Versuch gestartet. Ist nämlich eine super Nutzung: zuerst entblättere ich die Brennessel – damit hab ich die Stiele für die Rotte und meine Fasergewinnung. Die Blätter koche ich gerade aus – zum färben von Stoff. Den zerkochten Rest verwende ich direkt mal um eine Brennessel-Jauche zum düngen anzusetzen – da kommen auch die Reste vom färben rein wenn ich keine Zeit habe das Pigment zu reduzieren. Ganz am Schluß landet der Rest am Kompost – hm, zwar etwas ausgelaugt, aber immer noch Fasern die als Futter für die Kompostwürmer tauglich sind.

Somit verwerte ich eine wild wachsende Pflanze, die ohne künstlichen Dünger auskommt, mit vier verschiedenen Nutzen. Das nenn ich wirklich wirtschaftlich arbeiten

18.06.2011

Und es geht weiter. Also das färben war mal ein Schuss in den Ofen. Der ungebleichte Leinenstoff ist grad mal etwas brauner geworden – und ich schätze einmal waschen und die Farbe ist wieder raus. Das bringt einmal nix – oder ich bräuchte Mengen über die ich nicht nachdenken will.

Inzwischen hab ich aber gehechelt, kardiert und – gesponnen. Hm, etwas was man vielleicht für ein Seil verwenden kann. Trotzdem werde ich morgen noch die letzten Reste auch verarbeiten. Das arbeiten mit den nassen Fasern geht allerdings auf die Finger, und es ist mühsam.

Ich hab noch immer viel von der Rinde drin, gemischt mit den feinen Fasern. Daher lässt es sich kaum fein spinnen, bzw. stehen immer irgendwo diese holzigen Teile weg. Ev. wird es dann durchs waschen besser. Für den nächsten Versuch: Vermutlich muss ich bei der Röste doch etwas länger warten, bis sich die Rinde wirklich aufgelöst hat. Ansätze dafür sind vorhanden, ich wollte es heute schon rausnehmen aus dem Wasser – aaber – ich lass es noch etwas liegen :

21.06.2011

Und es geht weiter: Ich hab inzwischen den Rest ausgekämmt und versponnen. Resultat: um nur die feinen Fasern zu kriegen musste ich soviel kämmen und bürsten daß ich die Faser so sehr gebrochen hab – abgesehen von der Arbeit – das ich nur kurze Fasern hatte – und erst wieder einen dicken Faden machen musste damit es beim spinnen hält.

Jetzt liegen die länger gerotteten auf der Terrasse, und ich bin nicht wirkli begeistert weil auch wenn bei einigen die losen Fasern weghängen, diese blöde Rinde ist nicht weg. Inzw. hab ich aber etwas gefunden:

http://www.naturstoff.de/shop/catalog_pic.asp?ProductGroup=900097

Nun, das ist zwar keine Brennessel, und es wäre ganz gegen den Grundgedanken jetzt Brennesselstoff aus Tibet zu importieren – aber die Vorgangsweise: zuerst mit Asche zu kochen (siehe andere Experimente, Kali-Lauge aus Asche hab ich schon hergestellt) und dann erst trocknen, brechen – ich bin mir zumindest über Eines sicher: Es ist möglich, aber momentan fehlt noch ein Schritt auf dem Wege…Brennessel ist nicht gleich Flachs, da ist eine andere Vorbehandlung nötig…

Und zum Thema färben: Fein gebrochener Tee ist ergiebiger als großblättriger (der ist nur feiner im Geschmack mjam!) – daher sammle ich jetzt die neuen Blätter und trockne sie, um sie zu zerreiben und zu sammeln bevor ich den nächsten Färbversuch starte. Ein Teil hat sich schon erledigt mit der Sonne und den Temperaturen derzeit…

Wenn ich dieses dunkle Grün jemals auf Stoff übertragen kann …. mal sehen, das Pulver ist vielversprechend.

29.06.2011

Die nächsten Versuche sind missglückt. Kochen mit Lauge ergab etwas wie Seetang, so dunkel – und so brüchig. Ungeeignet. Frust.

15.07.2011

Wieder ein klassischer Versuch mit Röste im Wasser – zu lange darf es jedenfalls nicht drin sein, sonst lösen sich die Fasern selbst auf. Aber – mit den klassischen Werkzeugen des Menschen – Finger und Nägel – lässt sich die äußere Rindenschicht ablösen. Ich geh jetzt nicht mehr mit dem Kamm drüber, sondern separiere grob händisch die Fasern. Lässt sich gut dünn und fest verspinnen, mit sehr langen Fasern drin, daher auch stabil. Nur mühsam in der Vorbereitung, da wirst alt.

Und die Rindenreste geben einen sehr kratzigen Faden ab – ok, das wird im Mittelalter und davor akzeptabel gewesen sein.

Grob geschätzt braucht eine Familie mit mehreren Personen aber einen Winter lang um mit der Methode auch nur genug Stoff für eine einfache Tunika herzustellen. So unrealistisch erscheint mir das aber nicht – es war eine Kleidung für arme Leute, und wenn ich mir ansehe wie oft Kleidung damals wiederverwertet wurde spiegelt das für mich den Aufwand wieder den es bedurfte überhaupt irgendwas am Leib zu haben.

31.07.2011

Nachschub eingetroffen – habe angefangen meine “Plantage” in Mö zu roden…hab auch eine neue Idee: mit der Kardierbürste die Außenseite der Stängel ritzen solange das Material frisch ist. Sollte den Faserverbund nicht wirklich stören, und vielleicht bröselt es nach dem trocknen besser. Verzichte diesmal auf die Röste (wirklich bringts die eh nicht) sondern trockne einfach nur. Nur meine Fingernägel….die müssen jetzt was aushalten…Brennessel sind kein Flachs. Die Blätter trockne ich wie gehabt und sammle zusammen für den nächsten großen Färb-Versuch. Kennt jemand ein Kupfer-Salz das nicht giftig ist? Klassisch wäre ja Kupfersulfat…*brrr*

01.08.2011

02.08.2011

Beim Thema Ressourcen ausnutzen hab ich einen Punkt vergessen: Brennesselsamen. Hab mich immer gefragt warum in allen Texten stand “Ernten ab August”. Klaro, dann sind die Samen reif. a) Kann man die einfach ernten. Nur abzwicken, trocknen und ev. rösten b) Damit ggfs. auf geeignetem Grund Brennesseln gezielt aussähen c) Die kann man essen, schmecken gut und sind lagerbar. Also sind unsere Altvorderen sicher nicht daran vorbeigegangen, weil etwas was leicht zu sammeln war, lagerbar und essbar ist und noch dazu dem Körper gut tut haben die sicher nicht stehen lassen…

Hab sogar in einem Text gefunden das es gezielt auch in Schweinefutter gemischt wurde – und diese Schweine dann nur für den Schlachterhaushalt verwendet wurden weil das Fleisch damit extra gut wurde.

Werde daher in Mö gleich gezielt die Samenspitzen zuerst ernten.

Thema Färben: statt Kupfersulfat kann man auch Eisensulfat nehmen – kommt aber aufs gleiche raus….umweltbelastend. Trotzdem, im nächsten Versuch ist das drin…möchte ein dunkles Grün erzeugen….

03.08.2011

So, hab jetzt geerntet, drei Varianten Fasern vorbereitet, plus Brennessel für Tee, sowie die Brennesselsamen auch getrocknet…Schluss für heuer mit den Brennesseln insofern – jetzt wird nix mehr geerntet – jetzt wird nur mehr getestet. Ein kleines Werkzeug hab ich mir auch gebaut, nicht mittelalterlich…aber ich brauchte für einen Versuch schnell ein Bündel feine Nadeln im Packet.

18.08.2011

Jetzt hab ich hier schon lange nicht mehr weitergeschrieben. Daher noch ein kurzes Update: Letztendlich erkläre ich das Projekt für erfolgreich abgeschlossen!

Und so geht es:

  • Brennesseln im Hochsommer wenn sie schön lang sind ernten
  • Blätter entfernen und für Tee oder zum Färben trocknen
  • Stängel der Länge nach aufspalten, am besten mit einem stabilen Daumennagel
  • einfach in der Sonne trocknen lassen – sonst gar nix
  • nach dem trocknen brechen um den holzigen Teil herauszutrennen
  • Mit einer ganz feinen Hechel (Stecknadeln) die Fasern trennen, Blattansätze rausbrechen
  • Feucht verspinnen (Spucke, oder ein Schälchen mit Wasser)
  • Faden kurz in warmes Wasser legen  damit die versponnenen Fäden den Drall beibeibehalten.
  • Trocknen lassen
  • Ggfs. verzwirnen um die Reißfestigkeit zu erhöhen

Das ist Alles. Rösten etc. – nicht nötig. Und es erklärt auch warum das ein “arme Leute” Stoff war – weil es einfach herzustellen war aus natürlichen Ressourcen.

15.5.2012

14 Gedanken zu „Projekt Urtica“

  1. Diese Seite ist echt genial, nirgends ist das mit dem “problemlosen” Fasergewinnen” so schön dargestellt und beschrieben. Da Brennessel eine unglaublich vielseitige Wildpflanze ist und fast jeder sie problemlos ernten kann (für kleine Arbeiten) wäre es eine super Idee, auch Schulen dafür zu begeistern.
    Gratulation zu diesen Tests und dieser Seite, kann man nur empfehlen! Weiterhin so spannende Infos, viele Grüße Monika Weigl

  2. Hallo, Ich habe gerade mit begeisterung alles durchgelesen. hast ja auch immer fleißig Bilder gemacht. Nur vom letzten Versuch, der soll ja gut geglückt sein, fehlen Bilder. Mich interessiert besonders, wie es versponnen aussieht. Hast du da Bilder? Ich würde mich in diesem Jahr auch gerne mal an die Brennessel wagen und bin für jede weitere Information dankbar!

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