Tinte

In Zeiten von E-Mail, E-Ink, und allen Varianten von elektronischer Datenvermittlung ist simples Schreiben schon zu einem Anachronismus verkommen. Sollten wir doch für Notizen zum Griffel greifen ist es meistens ein Werbegeschenk-Kugelschreiber. Ein ganz kleiner Prozentsatz der Gesellschaft leistet sich noch Schreibgeräte die mit Feder und Tinte funktionieren. Eine Ausnahme bilden diejenigen die sich noch dem Schreiben mit ästhetischem Anspruch verschrieben haben.

Mit der Herstellung der Tinte beschäftigen sich aber die Wenigsten. Also habe ich das Thema hier mal aufgegriffen.

Für Tinten gibt es viele mögliche Rezepte, ich als alter Schwammerlnarr habe jetzt einmal den Versuch gestartet Tinte aus Tintlingen (Coprinus sensu lato) zu machen.

Damit bin ich beileibe nicht der Erste, siehe auch Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Tintlinge

Diese Pilze zerfließen in der Reife schwarz. Und das sehr schnell. Gut wenn man Tinte herstellen will, blöd wenn man zu Mittag ein paar Schopftintlinge sammelt und zuhause feststellt: die sind für den Verzehr nicht mehr geeignet. So geschehen vor Kurzem (Tintlinge in allen Ausprägungen sind Herbstpilze).

Also hab ich meine überreifen Tintlinge in einen Glasbehälter geworfen und auf den Balkon gestellt. Ich will es nicht schönreden – jeder Zersetzungsprozess ist letztendlich auch mit einigen Gasen verbunden. Das Produkt hab ich mit etwas Wasser gelöst, mit einem Pinsel vorsichtig aufgerührt damit sich alle Bestandteile lösen und dann durch ein nicht zu feines Sieb passiert. Dabei immer wieder mit Wasser den schwarzen Schleim aufgelöst – ok, auch das stinkt. Aber gerade um den schwarzen Schleim geht es.

Getrennt von den langen Fasern des Stiels – künftig werde ich den vorher vom Kopf des Pilzes trennen, das ist einfacher – bleibt eine schwarze Flüssigkeit. Da hier keine Weiteren für die Herstellung sinnvollen biologischen Prozesse stattfinden (sollen) hab ich diese Flüssigkeit einmal aufgekocht (auf der Schnelle in der Mikrowelle, das sterilisiert gleich bis in den mikrobiologischen Bereich). Warnung: Kocht wie jede Flüssigkeit die nicht reines Wasser ist leicht über.

Die so entstehende Flüssigkeit etwas ziehen lassen, umrühren damit sich die Farbstoffe besser lösen, und dann durch ein nicht zu feines Tuch filtrieren. Ist das Tuch zu fein hat man einen dicken Gatsch im Tuch – und eine leicht braune Flüssigkeit. In Ermangelung eines Haarnetzes tut es auch eine nicht zu feine Strumpfhose – fragt eure Freundin.

Die Flüssigkeit in ein kratzfestes Gefäß füllen und in aller Ruhe eindicken lassen – warmer Raum und etwas Geduld reicht – dabei zeitweise die abgesetzte trockene Substanz an der Innenseite abkratzen in die Flüssigkeit.

Dabei haben sich Klumpen gebildet – kontraproduktiv…also lasse ich die ganze schwarze Sauce jetzt trocknen und reibe sie nochmal durch. Dann – freu mich schon auf den Abend – werde ich sie mit etwas Rotwein wieder verflüssigen.

Klassisch ist es Tinte mit Wein und Essig abzurühren – ich vermute der Alkohol verbessert die Flusseigenschaften, der Essig verhindert das die Flüssigkeit zu schnell schlecht wird. Der Essig im frühen Stadium hat aber imho das klumpen verursacht, vermutlich ist das Eiweiß das noch vorhanden war zusammengebacken.

Im Internet fand ich auch noch den Hinweis (s.o.) das man die Tinte von Tintlingen mit Nelkenöl gemischt hat. Vielleicht hält das langfristig besser flüssig, ganz vorstellen kann ich es mir nicht weil das Öl mit dem Wasser nicht langfristig abbindet – werde aber beide Varianten ausprobieren, vielleicht nimmt man da nur die getrockneten Pigmente und mischt mit dem Öl.

Dennoch darf man diese Tinte nicht mit modernen Rezepturen vergleichen: Die Trocknungszeit beim Schreiben ist weit länger.

Alle Bilder bis jetzt:

Nächstes Experiment: Gallapfeltinte

Ein Rezept dafür hab ich schon gefunden. Momentan probiere ich mal Eisenvitriol zu produzieren, also Eisen (II) Sulfat. Die ersten Versuche sind vielversprechend, habe heute schon die ersten Versuche abfiltriert. Was mir zu meinem Glück noch fehlt sind die entsprechenden Galläpfel. Da hab ich bislang nur ein paar wunzig Kleine aufgetrieben.

Update 2014-06-26:

Galläpfel hab ich jetzt auch, das Eisensulfat ist auch fertig, Gummi Arabicum brauch ich noch, das ist aber kein Problem, und Alaun hab ich auch noch zuhause.

Hier mal das Rezept nach dem ich arbeiten will:

Recept, gute Dinten zemachen (1716)
Nimm 2 Maß [3,34l] sauber Regenwasser in ein sauberen Dintenhafen.
Thu darein 18 Lod [288g] schwarzen Gallus, grob gestoßen und den Staub darvon gesiebet.
Dann tu darein 8 Lod [128g]weißen Gummi. Laß widerum drei Tage und Nächt stehen.
Alsdann tu darin 8 Lod [128g]Vitriol und 1 Lod [16g]Alaun
samt einem Glas voll Essig und ein Löffel voll Salz.
Rühre es wohl unter einanderen.
Stelle den Hafen Sommerszeits an die warme Sonne,
im Winter aber auf einen warmen Ofentritt,
vierzehn Tag lang und alle Tage einmal umgerührt.
Gibt eine ausbündig schöne schwarze Dinten.

Buchheister-Ottersbach: Vorschriften für Drogisten.
11. Auflage von Georg Ottersbach (Volksdorf/Hamburg).
Verlag Julius Springer, Berlin 1933
1 Maß = 1.67 Liter
1 Lod = 16 Gramm

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